
Charas convaschinas, chars convaschins!
Che plaschair esser quia a Silvaplana per ils prüms avuost! Grazcha fich per l’invid.
Es gibt einen Satz, den wir Schweizerinnen und Schweizer zu selten lesen.
Er steht am Anfang unserer Bundesverfassung.
Nicht in einem Artikel. Sondern in ihrer Präambel.
Aufgeschrieben hat ihn der Schriftsteller Adolf Muschg, in die Verfassung aufgenommen hat ihn das Parlament und beschlossen haben ihn dann Volk und Stände.
Der Satz lautet:
«La forza dal pövel as masüra al bainstar dals debels.»
«Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»
Ich finde, das ist der schönste Satz unserer Verfassung.
Und vielleicht sagt kein anderer Satz besser, welche Schweiz wir sein wollen.
Heute wird überall auf der Welt über Stärke gesprochen.
Wer ist stärker? Chi es il plü ferm?
Wer ist reicher? Chi es il plü rich?
Wer hat die grössere Armee? Chi ha l’armada plü gronda?
Wer schlägt wen?
Nicht nur in der internationalen Politik scheint wieder das Recht des Stärkeren zu gelten.
Doch unsere Bundesverfassung hat eine ganz andere Idee von Stärke.
Sie sagt nicht:
Ein Land ist stark, wenn es mächtig ist.
Nicht:
wenn es andere einschüchtern oder unterwerfen kann.
Nicht:
wenn es am meisten Milliardäre hat.
Sondern:
Ein Land ist stark, wenn es Sorge trägt zu den Schwächeren.
Für unsere Bundesverfassung zeigt sich Stärke nicht dort, wo rohe Macht ausgeübt wird.
Sondern dort, wo Verantwortung auch für andere übernommen wird.
Ich glaube, genau darin kann das Geheimnis der Schweiz liegen.
Wir waren nie stark, weil wir gross gewesen wären.
Wir waren nie stark, weil wir andere dominieren konnten.
Wir wurden stark, weil wir gelernt haben, zusammenzuhalten.
Vier Sprachen.
Unterschiedliche Religionen.
Verschiedene Kulturen.
26 Kantone.
Über zweitausend Gemeinden.
Städte und Bergtäler.
Liberale, Konservative, Progressive, Moderate.
Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und Weltanschauungen.
Die Schweiz ist kein Land der Einheitlichkeit. Brich ün pajais unifuorm.
Die Schweiz ist dank ihren Institutionen ein Land des Zusammenhalts. Ün pajais da la coesiun.
Gerade der soziale und der regionale Ausgleich gehören zum Kern unseres Staates.
Eine Gesellschaft zeigt ihre Stärke nicht daran, wie gut es den Erfolgreichen geht.
Sondern daran, ob auch jene dazugehören, die weniger Glück haben.
Ob Kinder unabhängig vom Einkommen oder Vermögen ihrer Eltern gute Chancen erhalten.
Ob ältere Menschen in Würde leben können.
Ob Menschen mit einer Behinderung selbstverständlich Teil unserer Gemeinschaft sind.
Ob Krankheit oder Arbeitslosigkeit nicht zum sozialen Absturz führen.
Ob Menschen, die anders denken, anders glauben, anders lieben, anders aussehen und von anderswo herkommen, dazugehören.
Solidarità nun es il cuntrari da libertà.
Solidarität macht Freiheit überhaupt erst möglich. Grazia a las instituziuns da la democrazia ed il stadi da dret.
Denn was nützt die grösste Freiheit, wenn sie nur den vermeintlich Stärksten offensteht?
Charas svizzras, chars svizzers, charas abitantas ed abitants da nos pajais,
Diese Idee von Stärke aus der Bundesverfassung müssen wir heute verteidigen.
Denn wir erleben eine Welt, in der wieder eine ganz andere Vorstellung von Stärke an Einfluss gewinnt.
Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping stehen – auf unterschiedliche Weise – für die imperialistische Logik, dass Politik nur Machtausübung und Dominanz bedeutet und nur Grossmächte Souveränität besitzen.
Nachbarländer werden angegriffen oder bedroht.
Repression wird dies- und jenseits der eigenen Landesgrenzen ausgeübt.
Zölle und andere handels- und industriepolitischen Massnahmen werden zur politischen Waffe.
Internationale Regeln gelten nicht – oder nur, wenn sie der eigenen Machtausübung nützen.
Das Völkerrecht und internationale Kooperationen werden als Schwäche ausgelegt.
Diese Weltsicht ist falsch und gefährlich.
Nicht nur, weil sie auch der Schweiz schadet.
Sondern weil es unseren demokratischen und rechtsstaatlichen Werten widerspricht.
Für uns freie Bürgerinnen und Bürger ist klar:
Die Stärke des Rechts muss grösser sein als das Recht des Stärkeren.
La forza dal dret sto esser plü gronda sco al dret dal plü ferm.
Gerade deshalb darf die Schweiz jetzt ihre Haltung nicht verlieren.
Selbstverständlich braucht unsere Aussenpolitik Pragmatismus.
Aber Pragmatismus darf nicht in vorauseilenden Gehorsam umschlagen.
Ich wünsche mir eine Schweiz, die höflich bleibt.
Aber nicht unterwürfig.
Die kompromissbereit ist.
Aber nicht willfährig.
Die ihre Interessen vertritt.
Und ihre Werte nicht verrät.
Die ihre militärische Neutralität wahrt.
Aber nicht Aggressor und Opfer gleichsetzt.
Die immer das Völkerrecht als Richtschnur ihrer Aussenpolitik anwendet.
Wer Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nur verteidigt, solange es nichts kostet, verteidigt sie am Ende gar nicht.
Ich beobachte deshalb mit Sorge, dass sich unser Bundesrat zu oft bei den Trumps dieser Welt anbiedert.
Gleichzeitig unternimmt er nichts dagegen, dass unseren europäischen Nachbarn in der politischen Debatte mit Misstrauen begegnet wird. Richtig wäre das Gegenteil.
Europa ist keine Bedrohung unserer Souveränität. Europa ist die Voraussetzung dafür, dass unsere Demokratien ihre Souveränität auch morgen bewahren können.
Europa ist der Kontinent, auf dem Nationen gelernt haben, Konflikte nicht mit Gewalt, sondern mit dem Recht zu lösen. Dank dem Aufbau gemeinsamer Institutionen.
Natürlich ist auch dieses Europa nicht perfekt.
Keine Demokratie und keine Rechtsgemeinschaft ist es.
Aber demokratische Rechtsstaaten und Gemeinschaften besitzen eine Stärke, die autoritären Regimen meist fehlt.
Sie können ihre Fehler korrigieren.
Sie können Kritik zulassen.
Sie können sich verändern und verbessern.
Auch darum bin ich überzeugt:
Eine engere Zusammenarbeit mit Europa macht die Schweiz nicht schwächer.
Sie macht sie stärker.
Gerade in Bezug auf unsere Unabhängigkeit.
Denn in einer Welt der aggressiven Grossmächte können Demokratien ihre Unabhängigkeit und Souveränität nur im Verbund bewahren.
Manchmal zeigt sich diese europäische Stärke übrigens dort, wo man sie am wenigsten erwartet.
Vorgestern beschlossen sämtliche europäischen Fussballverbände, FIFA-Wettbewerbe zu boykottieren, falls die Fussball-Weltmeisterschaft zu einem Anlageprodukt von Investoren auch im Umfeld der Trump-Familie gemacht und damit faktisch ausverkauft würde.
Mich beeindruckt dieser Entscheid.
Wegen der Haltung dahinter. Und wegen der Geschlossenheit.
55 Länder, darunter auch die Schweiz, mit unterschiedlichsten Interessen.
Und trotzdem die gemeinsame Überzeugung:
Nicht alles ist käuflich.
Nicht alles darf den Profitinteressen überlassen werden.
Der Fussball gehört den Menschen.
Er ist weltweite Volkskultur.
Er verbindet Nationen und Generationen.
Und genau deshalb darf ihn auch Gianni Infantino nicht zum Spekulationsobjekt machen.
Ich wünsche mir manchmal, wir hätten auch in der Politik etwas mehr europäischen Zusammenhalt.
Denn gemeinsam sind wir stärker.
Nicht nur, weil wir gemeinsam mächtiger sind.
Sondern weil wir unsere Werte gemeinsam besser schützen.
Und damit auch unsere Freiheit, unseren Wohlstand, unsere Umwelt.
Chara raspada, liebe Festgemeinde,
Der Nationalfeiertag ist kein Tag der Selbstbeweihräucherung.
Id es ün di da recugnuschentscha.
Nus vain la furtüna da viver in ün pajais bel, liber, paschaivel e benestant.
Gerade deshalb tragen wir Verantwortung.
Für unsere Demokratie.
Für unseren Rechtsstaat.
Für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Für unsere Umwelt.
Für unsere Nachbarn.
Und für jene Menschen aus Nah und Fern, deren Freiheit bedroht ist.
Eu n’ha jent nossa Svizzra perquai cha ella es multiculturala, democratica, liberala e sociala.
Ich mag die Schweiz, weil sie es schafft, scheinbare Gegensätze miteinander zu verbinden:
Freiheit und Zusammenhalt. Innovaziun e tradiziun. Eigenständigkeit und Offenheit.
Und weil sie ihre einzigartige Natur bewahrt – las muntognas, ils lais, ils flüms, ils gods e las cuntradas.
Wir dürfen patriotisch sein. Aber ohne Überheblichkeit. Patriotismus darf nie in Nationalismus kippen.
Unser Patriotismus sollte dafür sorgen, dass die Schweiz immer mehr zu jenem Land wird, das die Präambel unserer Bundesverfassung beschreibt.
Die Schweiz soll stark sein und bleiben.
Aber nicht im Sinn der Imperialisten und Autokraten.
Sondern im Sinn unserer Bundesverfassung.
Denn die Stärke unseres Volkes misst sich nicht an der Grösse des Landes.
Nicht an der Macht der Regierung.
Nicht an der Feuerkraft der Armee.
Nicht am Reichtum der Elite.
Sondern am Wohl der Schwachen.
Al bainstar dals debels.