
Einmal mehr macht die SVP mit ihrer «Keine 10-Millionen-Schweiz!»-Initiative Ausländerinnen und Ausländer zu Sündenböcken für reale und vermeintliche Probleme. Zynischerweise nennt sie ihr extremes Projekt auch «Nachhaltigkeits»-Initiative. Treffender ist der Name der Gegnerschaft: «Chaos-Initiative». Denn eine Annahme würde unser Land tatsächlich ins aussenpolitische, wirtschaftliche und versorgungspolitische Chaos stürzen.
Die Initiative führt einen starren Bevölkerungsdeckel ein – ein gefährliches Experiment. Mit Folgen, die schnell spürbar wären. Denn die Initiative zwingt den Bundesrat bereits ab 9,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, also bei einem Bevölkerungswachstum um nur 4 Prozent, internationale Verträge wie das Freizügigkeitsabkommen neu zu verhandeln oder zu kündigen. Das Problem ist: Genau diese Neuverhandlungen sind völlig unrealistisch. Selbst der Bundesrat hält sie für nicht umsetzbar, weil die Personenfreizügigkeit eine Grundfreiheit Europas ist. Es bliebe nur die Kündigung und damit wegen der Guillotine-Klausel der Wegfall des gesamten bilateralen Vertragsverhältnisses zwischen der Schweiz und der EU. Angesichts der aktuellen geopolitischen Unsicherheit wäre dieser Bruch mit unseren Nachbarn verheerend.
Wirtschaftlich wäre der Schaden enorm. Mit den Bilateralen fiele auch der Zugang zum europäischen Binnenmarkt weg. Das würde den Handel mit unseren Nachbarstaaten ins Chaos stürzen. Als ob Trumps Zölle, der Krieg im Nahen Osten und Putins Angriff gegen die Ukraine nicht schon genügend Unsicherheit für unsere Wirtschaft bringen würden.
Fast noch gravierender ist, dass die Initiative die Realität unseres Arbeitsmarkts und unsere Altersstruktur ignoriert. Schon heute fehlen Arbeitskräfte in vielen Branchen und der Anteil der Pensionierten an der Gesamtbevölkerung steigt. So wurde rund die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz im Ausland ausgebildet, rund ein Drittel des Pflegepersonals stammt aus der EU. Wie sollen wir unsere Spitäler und Heime mit einem starren Bevölkerungsdeckel in Zukunft betreiben?
Besonders gravierend wäre der Schaden für Graubünden. Unser Kanton wächst deutlich weniger als der Rest der Schweiz, altert aber deutlich schneller als der Durchschnitt. Die Versorgung aufrechtzuerhalten ist schon heute eine Herausforderung. Die Initiative würde Graubünden definitiv ins Abseits manövrieren. Wir könnten künftig kaum noch Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutieren und würden gleichzeitig mehr an andere Kantone verlieren. Denn im verschärften Wettbewerb würde es die Leute noch stärker in die grossen Agglomerationen des Unterlands und innerhalb des Kantons vermehrt von der Peripherie ins Churer Rheintal ziehen. Die Folge wäre, dass wir in vielen Regionen Spitäler, Pflegeheime, Schulen, Restaurants und Hotels schliessen müssten. Schlicht, weil es zu wenig Personal gäbe.
Die SVP-Initiative löst kein einziges Problem. Sie schafft aber viele neue – und trifft einen Bergkanton wie Graubünden besonders heftig. Wer sie annimmt, nimmt massiven wirtschaftlichen Schaden, einen akuten Versorgungsnotstand und die aussenpolitische Isolation unseres Landes in Kauf. Gut, dass wir dieses Chaos am 14. Juni abwenden können.
Dieser Text ist am 8. April 2026 als Kolumne in der Südostschweiz erschienen.