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Rede am Alpenfeuer 2015: Alpen, Menschen und Klima schützen!

Posted by: on Aug 9, 2015 | No Comments

jonpultSeit 1988 erinnern engagierte Freundinnen und Freunde der Berge aus allen Alpenländern mit Höhenfeuern an den kulturellen Reichtum des Alpenraums und warnen vor der Zerstörung dieses sensiblen Ökosystems und dieses Kultur- und Naturschatzes im Herzen Europas.

Unsere Höhenfeuer sind ein Symbol unseres gesellschaftlichen und politischen Engagements für den Alpenschutz. Ein Engagement aus einer fortschrittlichen, zukunftsgerichteten Überzeugung. Ein politischer Kampf für die Zukunft, für die kommenden Generationen. Wir kämpfen für den Schutz der Alpen, weil wir gute Perspektiven für die heutigen und zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner der Alpen erhalten und entwickeln wollen. Auch morgen und übermorgen sollen eine alpine Kultur und eine alpine Wirtschaft möglich sein. Das geht nur, wenn wir die Alpen, ihre Tierwelt, ihre Vegetation und ihre Landschaften schützen, pflegen und entwickeln.

Mit Respekt vor der Natur, Innovationsgeist in der Wirtschaft und guter Kenntnis unserer kulturellen Grundlagen. Wir kämpfen für den Schutz der Alpen, weil auch unsere Kinder und unsere Kindeskinder das Recht haben sollen, die Faszination, die Schönheit, die Einzigartigkeit der Berge zu erkunden, zu erwandern, zu erleben. Das ewige Eis der Gletscher, der atemberaubende Anblick einer unberührten alpinen Landschaft, die Stille der Berge. All das darf nicht das Privileg der vergangenen und heutigen Generationen sein, sondern ein Recht aller.

Unserer Generation kommt die riesige Verantwortung zu, unsere Lebensgrundlagen für die Zukunft zu erhalten. Alpenschutz bedeutet Solidarität der heutigen Berglerinnen und Bergler mit den nachgeborenen Berglerinnen und Bergler – und nicht nur mit ihnen. Wir schützen die Alpen für alle Menschen. Gerade auch für diejenigen, die sie aufsuchen, um dem Alltagsstress zu entfliehen und damit ihrerseits wieder den Menschen in den Bergen ein Auskommen ermöglichen. Alpenschutz ist nichts anderes als Menschenschutz.

Unsere heutige Wanderung – leider konnte ich wegen einer Knöchelverletzung nicht dabei sein – und unser heutiges Feuer widmen wir dem Widerstand gegen die zweite Gotthardröhre. Dieser Widerstandskampf wird kein einfacher sein. Die Gegner des Alpenschutzes und einer vernünftigen Verkehrspolitik sind mit allen Wassern gewaschen. Sie wenden jeden möglichen und unmöglichen Trick an, um die Bevölkerung in die Irre zu führen.

Es gehe bei der zweiten Gotthard-Strassenröhre nur um eine Sanierung. Die Kapazität werde nicht erweitert. Es gehe um mehr Sicherheit. Um eine sichere Anbindung des Tessins an die übrige Schweiz.

Natürlich sind das argumentative Tricks. Natürlich geht es den Gegnern des Alpenschutzes um etwas anderes. Mit der zweiten Gotthard-Strassenröhre wollen sie die Verkehrspolitik umkehren. Die Strasse zu Lasten der Schiene stärken. Mit einer zweiten Strassenröhre hier unter dem Gotthardmassiv wird die Strassenkapazität verdoppelt. Punkt. Was gebaut wird, wird auch gebraucht. So einfach ist das.

Genau das wollen die Lombardis und Giezendanners dieser Welt. Sie wollen mehr Kapazitäten für ihre Lastwagen und mehr Bauaufträge für ihre Tunnel- und Strassenbaufirmen. Dabei erdreisten sie sich der Behauptung, mit ihrer Kapazitätserweiterung würde es mehr Sicherheit auf den Strassen geben. Dabei weiss jedes Kind: mehr Strassen = mehr Verkehr, insbesondere mehr Lastwagenverkehr = mehr Unfälle.

Zudem werden mit einer zweiten Strassenröhre das grösste Infrastrukturprojekt und die beste Anbindung der Schweiz an das Tessin in der Geschichte des Landes, die NEAT, direkt konkurrenziert. Und damit wird auch der Verlagerungsauftrag, der mit der Eröffnung des Gotthardbasistunnels im nächsten Jahr einen entscheidenden Schritt vorwärts machen könnte, hinterhältig sabotiert.

Mit einer zweiten Strassenröhre am Gotthard wird der rote Teppich für tausende Lastwagen aus der Schweiz und vor allem aus ganz Europa ausgerollt. Eher früher als später führt die Verdoppelung der Strassenkapazitäten auch zu einer Verdoppelung der Anzahl Lastwagen. Das ist die Wahrheit über die zweite Gotthardröhre! Dann hätten wir Verhältnisse wie am Brenner. Unsere österreichischen und Südtiroler Freundinnen und Freunde können ein trauriges Lied darüber singen.

Mit einer zweiten Gotthardröhre wären aller Errungenschaften der Schweizer Verlagerungspolitik, die Errungenschaften der Alpen-Initiative, akut gefährdet. Dagegen wollen und dagegen müssen wir uns wehren!

Wir wollen die vorausschauende, fortschrittliche Verkehrspolitik der Schweiz erhalten und weiterentwickeln. Wir wollen die Verlagerungsziele forcieren, sie erreichen – sicher nicht sabotieren! Wir wollen den Alpenschutz hochhalten, die Verfassung und den Volkswillen respektieren. Und wir wollen einen Beitrag an eine der grössten Menschheitsherausforderungen leisten. Einen Beitrag an einen wirksamen Klimaschutz.

Seit einigen Tagen ist klar, dass sogar die amerikanische Administration von Präsident Obama vorwärts machen will in Sachen Klimaschutz. Bald findet in Paris die Weltklimakonferenz statt. Unsere Regierung, allen voran unsere Umweltministerin Doris Leuthard, weibelt auf nationaler und internationaler Ebene für eine aktive Klimapolitik. Das ist gut so.

Überhaupt nicht gut ist hingegen, dass die gleiche Regierung und die gleiche Umweltministerin mit dem geplanten Bau einer zweiten Gotthardröhre eine Verkehrspolitik verfolgt, die ein Vorzeigeprojekt für eine klimaverträglichere Wirtschaft – nämlich die Verlagerungspolitik – torpediert. Echte Klimapolitik braucht auch intelligente Verkehrspolitik. Ohne die Verlagerungspolitik ist eine solche nicht möglich. Die Schweiz muss glaubwürdig bleiben. Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass der fortschrittlichste Bereich der Schweizer Politik – ja, ich behaupte die Verkehrs- und Verlagerungspolitik sind der fortschrittlichste Politikbereich unseres Landes überhaupt – gerade dann in Frage gestellt wird, wenn sich die ganze Welt anschicken sollte, das Klima und unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Auch darum ist ein Nein zur zweiten Gotthardröhre von entscheidender Bedeutung.

Zum Schluss noch dies. Ich bin überzeugt, dass wir die Abstimmung am 28. Februar 2016 gewinnen können. Dafür müssen wir aber zwei Herausforderungen packen.

1. Wir müssen verständlich machen, dass es bei dieser Abstimmung um eine Verdoppelung der Strassenkapazität und somit um eine Verdoppelung der Lastwagen auf unseren Strassen geht. Es muss ein Plebiszit gegen eine neue Lastwagenflut werden. Dann gewinnen wir!

2. Wir müssen alle Generationen ansprechen. Die älteren Bürgerinnen und Bürgern, die schon zwei Mal für den Alpenschutz und gegen die Lastwagenflut gestimmt haben, müssen wir in ihrer Meinung bestärken und zur Hartnäckigkeit ermuntern. Sie dürfen nicht den Mut verlieren, sie sollen einen langen Atem zeigen. Den jüngeren Bürgerinnen und Bürgern müssen wir aufzeigen, welcher Wert der Alpenschutz und der Widerstand gegen die Lastwagenflut hat. Ich bin überzeugt, dass der Alpenschutz gerade in den Zeiten des Klimawandels für die jüngere Generation enorm an Bedeutung gewinnt. Denn die Berggebiete bleiben als Lebens- und Freizeitraum nur wertvoll, wenn sie vor dem Transitverkehr geschützt und eine lokale, innovative Wirtschaft vor Ort gestärkt werden.

Unser Projekt – der Alpenschutz und die Verlagerungspolitik – ist pionierhaft, vernünftig, zutiefst ethisch. Wir lassen es uns nicht zerstören. Die echten Argumente liegen wirklich auf unserer Seite. Unsere Aufgabe ist es, sie zum Durchbruch zu verhelfen! Wir schaffen das!

 

Die Rede wurde am Samstag, 8. August 2015 auf dem Gotthardpass vor rund 200 Personen gehalten.