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Flüchtlinge: Vorbild Davos

Posted by: on Okt 9, 2015 | No Comments

Foto Ig offenes DavosWegen des blutigen Kriegs in Syrien und der unfassbaren Barbarei des Islamischen Staats haben über 4 Millionen Syrerinnen und Syrer ihre Heimat verlassen. Weitere 7,6 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Aber auch aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Somalia, aus Libyen oder aus Eritrea flüchten die Menschen in grosser Zahl. Vor Krieg, vor willkürlichen Diktaturen oder vor unkontrollierter Gewalt in gescheiterten Staaten.

Der grösste Teil dieser Flüchtlinge lebt unter schwierigsten Bedingungen in Camps in den Nachbarstaaten der Kriegsländer. Eine Million syrische Flüchtlinge lebt zum Beispiel im Libanon – einem Land mit nur vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern!

Ein Bruchteil der Flüchtenden, aber immerhin Hunderttausende, versucht auf dem beschwerlichen Weg über den Balkan oder auf dem oft tödlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Nach Europa, dem Kontinent, von dem einst der Kolonialismus und die zwei grössten Kriege der Menschheitsgeschichte ausgingen und von wo Millionen auswandern mussten. Unser Kontinent ist heute für viele Menschen zu einem Ort der Hoffnung geworden.

Umso mehr müssen wir die historische Tragweite der jetzigen Situation begreifen. Wenn wir dereinst von unseren Kindern oder Enkeln gefragt werden, auf welcher Seite wir damals bei der grossen Flüchtlingskrise standen, sollten wir mit reinem Gewissen sagen können: Wir standen auf der Seite der Menschlichkeit.

Auf der Seite der Menschlichkeit stehen, das heisst in einer Demokratie, die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen. Wir müssen dafür sorgen, dass die europäischen Regierungen – auch unser Schweizer Bundesrat – zusammen die Ursachen der Flucht wirksam angehen. Das heisst entschlossenere Diplomatie gegen Kriege und für Menschenrechte, mehr humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge vor Ort, bessere Entwicklungszusammenarbeit in den Staaten des Südens. Und: Schluss mit den blutigen Waffengeschäften in Krisengebieten.

Zugleich braucht es eine gemeinsame und solidarische Asyl- und Flüchtlingspolitik in Europa. Abschottung durch Flüchtlingsmoratorien, wie sie die SVP in der Schweiz fordert und die ungarische Regierung mit Stacheldraht und Polizeiknüppeln umzusetzen versucht, sind zutiefst unmenschlich und werden nie funktionieren. Eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge und der Kosten hingegen verbessert die Situation für alle.

Auf der Seite der Menschlichkeit stehen heisst aber vor allem auch, dass jede und jeder von uns die legitimen Gefühle von Ohnmacht, Überforderung und Angst besiegt. Ein Vorbild ist hier die IG offenes Davos. Der ehrenamtliche Verein organisiert seit 2009 nicht nur praktische Hilfe für die Asylsuchenden in Davos. Er schafft mit den Sonntagstischen im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchgemeinde auch regelmässig kulinarische und kulturelle Begegnungen zwischen Asylsuchenden, Flüchtlingen, alteingesessenen Davoserinnen und Davosern sowie einheimischen Wirtschaftsmigranten, die in den international renommierten Davoser Forschungsinstitutionen ihrer hochqualifizierten Arbeit nachgehen und sich daneben auch sozial engagieren.

Wer schon das Privileg hatte, bei einer solchen Begegnung dabei zu sein, weiss: Unsere Bevölkerung ist viel offener, als sie von gewissen Parteien und Medien dargestellt wird. Es braucht aber das Engagement von Einzelpersonen, die den Mut haben, die Sprache der Mitmenschlichkeit zu sprechen und Orte für Begegnungen zu schaffen. Davos macht es uns vor.

Auch die solidarischen Reaktionen der Bevölkerungsmehrheiten in Domat/Ems und in Felsberg auf die Nachricht, dass in ihren Dörfern Unterkünfte für Flüchtlinge entstehen, zeigen, dass die meisten Bündnerinnen und Bündner mit Menschlichkeit die Angst besiegen. Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss sagte in einem Interview mit dem Blick: «Indem die Politik versucht, unser Land immer unattraktiver für andere zu machen, wird die Schweiz auch immer weniger gemütlich für uns selbst.» Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit der Menschen in unserem Land dies auch so empfindet.

 

Dieser Text ist als Gastkommentar im Bündner Tagblatt vom 9. Oktober 2015 erschienen.