{"id":2296,"date":"2021-08-04T13:08:50","date_gmt":"2021-08-04T11:08:50","guid":{"rendered":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/?p=2296"},"modified":"2025-09-05T13:25:43","modified_gmt":"2025-09-05T11:25:43","slug":"seit-50-jahren-eine-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/seit-50-jahren-eine-demokratie\/","title":{"rendered":"Seit 50 Jahren eine Demokratie &#8211; Ansprache zum 1. August 2021"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"920\" height=\"518\" src=\"https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht.jpg.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2298\" srcset=\"https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht.jpg.webp 920w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-300x169.jpg.webp 300w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-768x432.jpg.webp 768w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-50x28.jpg.webp 50w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-89x50.jpg.webp 89w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-100x56.jpg.webp 100w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-178x100.jpg.webp 178w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-640x360.jpg.webp 640w, https:\/\/jonpult.ch\/wp-content\/smush-webp\/2021\/08\/frauenstimmrecht-1920x1080.jpg.webp 1920w\" sizes=\"(max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>Bild: Website Uni Z\u00fcrich \/ Die 1. August Ansprache wurde an der offiziellen Bundesfeier der Gemeinde Churwalden in Parpan gehalten. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Den 1. August feiern heisst die Schweiz feiern \u2013 unsere Vielfalt, unsere Werte, unsere Errungenschaften. Wir erz\u00e4hlen uns Mythen und Geschichten zum Werdegang unseres Landes. Wir betonen Grunds\u00e4tze unserer Willensnation wie Freiheit, Gemeinsinn, Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Tradition ist trotz den konstruierten Mythen um das R\u00fctli wertvoll. Gerade weil an den meisten Orten unseres Landes eine sehr pragmatische Heimatliebe gelebt wird. Wir m\u00f6gen unseren Bundesstaat und wir sch\u00e4tzen \u2013 meistens \u2013 seine insgesamt gut funktionierenden Institutionen und Leistungen. Diese pragmatische Sicht auf unsere Nation ist eine St\u00e4rke der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie alle Nationen m\u00fcssen auch wir aufpassen, nicht einem dumpfen \u00abHurra-Patriotismus\u00bb zu verfallen. Denn er w\u00fcrde uns nur den Blick f\u00fcr reale Herausforderungen vernebeln. Darum begehen wir den 1. August lieber mit Offenheit gegen\u00fcber der Zukunft als mit r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Switzerland-First-Parolen. Das ist gesunder Patriotismus. Einstehen f\u00fcr eine bessere Schweiz, in der wir alle gerne leben \u2013 und die wir alle lieben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Teil dieses gesunden Patriotismus ist auch eine kritische Haltung. Sie sorgt daf\u00fcr, dass wir genau hinschauen, wo unsere Vergangenheit nicht so ehrenhaft war oder wo es heute noch Ungerechtigkeiten oder Defizite gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kritische Haltung sorgt daf\u00fcr, dass wir unsere Kraft als Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger daraus sch\u00f6pfen, unsere Gemeinde, unseren Kanton und unseren Bundesstaat verbessern zu wollen \u2013 f\u00fcr alle Bewohnerinnen und Bewohner und f\u00fcr die kommenden Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Haltung spreche ich heute zu Ihnen. Darum will und muss ich das 50-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Einf\u00fchrung des Frauenstimm- und Wahlrechts ins Zentrum meiner Ansprache stellen. Denn die Schweiz ist, da m\u00fcssen wir ehrlich zueinander sein, eine sehr junge Demokratie. Zumindest wenn man Demokratie als Herrschaft des Volkes innerhalb einer Gesellschaft von freien und gleichen Menschen versteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Schweizer M\u00e4nner 1971 dem Stimm- und Wahlrecht f\u00fcr Frauen endlich zustimmten, waren \u00fcber 100&nbsp;Jahre vergangen, seit die Genferin&nbsp;Marie Goegg-Pouchoulin als wohl erste Schweizer Frauenrechtlerin zum ersten Mal gleiche politische Rechte f\u00fcr Schweizer Frauen gefordert hatte. Von dieser erstmaligen Forderung bis zur politischen Gleichberechtigung der H\u00e4lfte unserer Bev\u00f6lkerung dauerte es \u00fcber ein Jahrhundert. Es brauchte also 100 Jahre politischen Kampf f\u00fcr bisher 50 Jahre politische Gleichberechtigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen dieses Landes haben doppelt so lange f\u00fcr ihr Menschenrecht auf gleiche Mitbestimmung streiten m\u00fcssen, als sie es heute haben. Oft wurden sie beschimpft, zum Teil bedroht und fast immer l\u00e4cherlich gemacht. Viele dieser K\u00e4mpferinnen haben den demokratischen Durchbruch gar nicht mehr erlebt. Andere leben heute noch und erinnern uns daran, wie m\u00fchselig der Weg zur echten Schweizer Demokratie war.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch 1959, 12 Jahre vor dem Durchbruch von 1971, scheiterte die Einf\u00fchrung des Frauen\u00adstimmrechts \u00fcberdeutlich an einem M\u00e4nnermehr von Volk und St\u00e4nde\u00adn.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur die West\u00adschweizer Kantone Neuen\u00adburg, Waadt und Genf stimmten zu. Und selbst die Freisinnigen und die Christdemokraten, die wichtige Vork\u00e4mpferinnen f\u00fcr das Frauenstimmrecht in ihren eigenen Reihen hatten, beschlossen 1959 mutlos die Stimmfreigabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Und all dies obwohl zu diesem Zeitpunkt schon in praktisch allen europ\u00e4ischen Staaten seit Jahrzenten das gleiche Wahl- und Stimmrecht f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner galt. Nur in Portugal und in Lichtenstein dauerte es noch l\u00e4nger als in der Schweiz. In Portugal musste 1974 zuerst die faschistische Salazar-Diktatur mit der Nelkenrevolution \u00fcberwunden werden. Im erzkonservativen F\u00fcrstentum tickten die Uhren noch etwas langsamer als in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p>1971 war also ein sehr sp\u00e4ter aber ein ebenso grosser Durchbruch in der Geschichte unseres Landes. Wir alle \u2013 Frauen wie M\u00e4nner \u2013 m\u00fcssen ihn gedenken und feiern.<\/p>\n\n\n\n<p>Frauen wie die erw\u00e4hnte Genfer Frauenrechtlerin Marie Goegg-Pouchoulin haben das m\u00f6glich gemacht. Oder wie die B\u00fcndnerin Meta von Salis, die schon 1896 in einem vielbeachteten Zeitungsartikel unter dem Titel \u00abKetzerische Neujahrsgedanken einer Frau\u00bb die revolution\u00e4re Aussage machte, die volle Gleichberechtigung der Frauen sei eine \u00abPr\u00e4misse des b\u00fcrgerlichen Staates\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch j\u00fcngere Frauenrechtlerinnen wie Iris von Roten, die 1958 mit ihrem Buch \u00abFrauen im Laufgitter\u00bb f\u00fcr viele rote K\u00f6pfe sorgte aber dazu beitrug, dass mit der Zeit die Stimmung zugunsten der politischen Gleichberechtigung kippte, geb\u00fchrt unser Dank.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie tausenden von Frauen, die sich noch ohne politischen Rechte am Arbeitsplatz, in den Gemeinden, in Parteien, in Gewerkschaften oder in Verb\u00e4nden organisierten und engagierten, die lautstark demonstrierten und protestierten und vor allem jahrzehntelang in ihrer politischen Basisarbeit nicht lockerliessen. Ihnen und auch einigen solidarischen M\u00e4nnern gilt heute unsere Dankbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind es, die unser Land erst zur wirklichen Demokratie gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind es, die Ihnen, gesch\u00e4tzte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der Gemeinde und des Kreises Churwalden, heute erm\u00f6glichen, mit Margrith Raschein eine Gemeindepr\u00e4sidentin und mit Brigitta Hitz-Rusch eine Grossr\u00e4tin zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie, die Vork\u00e4mpferinnen und Vork\u00e4mpfer f\u00fcr gleiche Rechte in unserem Land, sie sind es, die vor 50 Jahren ein grosses St\u00fcck echte Freiheit und echten Gemeinsinn geschaffen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie m\u00fcssen wir an diesem 1. August ehren. Ihre Weitsicht wollen wir uns zum Vorbild nehmen. Gerade auch mit Blick auf die kommenden Herausforderungen unseres Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es zum Beispiel darum geht, in der Arbeitswelt gleiche Chancen und gleiche L\u00f6hne f\u00fcr gleiche Arbeit durchzusetzen und eine Familienpolitik auf den Weg zu bringen, die diesen Namen verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wenn es darum geht, mit wirksamer Klima- und Umweltpolitik oder einer klugen Weiterentwicklung unserer Beziehung zu Europa die Rechte und Chancen der k\u00fcnftigen Generationen zu wahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wenn es darum geht, auch Menschen mit einer Behinderung, Menschen mit einer anderen Herkunft oder Menschen mit einer anderen sexuellen Identit\u00e4t oder Orientierung gleiche Rechte zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in Zukunft an solche und andere Herausforderungen denken, sollten wir auch an die Vork\u00e4mpferinnen und Vork\u00e4mpfer f\u00fcr das Frauenstimmrecht denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben es geschafft, abstrakten Grunds\u00e4tzen unseres Bundesstaates \u2013 Freiheit, Gemeinsinn und Demokratie \u2013 konkret Leben einzuhauchen. Sie haben sich nicht entmutigen lassen. Sie standen auf der richtigen Seite der Geschichte. Heute, 50 Jahre nach ihrem Erfolg, dienen sie uns als Quelle der Inspiration.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6gen sie uns als Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrgern helfen, die Kraft zu sch\u00f6pfen, unsere Gemeinde, unseren Kanton und unseren Bundesstaat verbessern zu wollen \u2013 f\u00fcr alle Bewohnerinnen und Bewohner und f\u00fcr die kommenden Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine bessere Schweiz, in der wir alle gerne leben \u2013 und die wir alle lieben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr die Aufmerksamkeit und sch\u00f6nen 1. August.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den 1. August feiern heisst die Schweiz feiern \u2013 unsere Vielfalt, unsere Werte, unsere Errungenschaften. Wir erz\u00e4hlen uns Mythen und Geschichten zum Werdegang unseres Landes. Wir betonen Grunds\u00e4tze unserer Willensnation wie Freiheit, Gemeinsinn, Demokratie.<\/p>\n<p>Diese Tradition ist trotz den konstruierten Mythen um das R\u00fctli wertvoll. Gerade weil an den meisten Orten unseres Landes eine sehr pragmatische Heimatliebe gelebt wird. Wir m\u00f6gen unseren Bundesstaat und wir sch\u00e4tzen \u2013 meistens \u2013 seine insgesamt gut funktionierenden Institutionen und Leistungen. Diese pragmatische Sicht auf unsere Nation ist eine St\u00e4rke der Schweiz.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2298,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2296","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2296"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5531,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2296\/revisions\/5531"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2298"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jonpult.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}