1. August Ansprache 2020. Gehalten auf dem Weingut Gat’Luzi in Fläsch, im Seniorenzentrum Cadonau in Chur und im Kulm Park in St. Moritz (im Bild).

Am 1. August feiern wir Jahr für Jahr die Schweiz. Wir kennen die Geschichten und Schlagworte. Freiheit, Gemeinsinn, Vielfalt zum Beispiel. Und als Kulisse unserer Reden dienen uns lodernde Feuer, wehende Fahnen und vor allem mächtige Berge.

Ich liebe sie auch, unsere Berge. Darum setze ich mich als Präsident der Alpen-Initiative für ihren Schutz ein. An unserem Familienhaus in Sent hängen am 1. August Schweizer- und Bündner Fahnen. Ich habe auch schon Höhenfeuer entzündet. Und ja: Freiheit, Gemeinsinn und Vielfalt sind auch mir wichtig. Kurz: Ich mag die Traditionen des 1. August.

Aber: Das Abfeiern unserer tatsächlichen und vermeintlichen Stärken genügt nicht. So halten wir unsere Werte nicht hoch. So verbrauchen wir sie nur. Das stete Wiederholen alter Gewissheiten vernebelt nämlich den kritischen Blick. Das schwächt unsere Fähigkeit, die Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu gestalten.

Ungemütlich wird es, wenn Patriotismus in Nationalismus umschlägt. Wenn aus Stolz auf die eigene Herkunft ein Wahn der Überlegenheit entsteht. Wenn nicht mehr die Liebe zur eigenen Heimat zählt, sondern die Ablehnung anderer Nationalitäten. Darum sind Slogans wie «America first» oder «prima gli italiani» so gefährlich. Sie schaffen unnötige Gegensätze und blenden die riesigen Gemeinsamkeiten von uns Menschen aus.

Nein, mehr Nationalismus können wir nicht gebrauchen! Nirgendwo. Was wir brauchen, ist ein gesunder Patriotismus. Eine Liebe zur Heimat, die Menschen zusammenbringt, statt sie gegeneinander auszuspielen. Die in die Zukunft blickt statt nur die Vergangenheit. Die uns motiviert, an einer besseren Schweiz für alle zu arbeiten. Nach dem einfachen Motto: Wer das Land liebt, will es verbessern!

Darum feiere ich heute nicht unsere Errungenschaften, sondern spreche über unsere Herausforderungen.

Die Corona-Krise ist einschneidend und noch nicht ausgestanden. Wir müssen wachsam und vorsichtig bleiben. Die Pandemie hat uns gezeigt, wie verletzlich unsere Welt ist. Und sie hat uns daran erinnert, dass es wichtigere Werte als steigende Aktienkurse gibt: den Schutz jedes Menschenlebens, egal welchen Alters.

Sie hat aber auch den Irrsinn einer hyperglobalisierten Wirtschaft offengelegt. Plötzlich fehlten in Europa Medikamente oder Grundstoffe, weil die Produktion aus Profitgründen nach China ausgelagert wurde. Wir sollten das ändern, und dafür sorgen, dass die Herstellung von lebenswichtigen Produkten wieder regionaler wird – also zumindest europäischer. Das verkleinert unsere Abhängigkeit vom autoritären Regime in Peking, verkürzt die Transportwege und kommt so auch dem Klima zugute.

Regionale Wirtschaftskreisläufe machen uns auch widerstandsfähiger und schaffen Arbeitsplätze vor Ort. Das bietet Chancen für die Landwirtschaft, das Gewerbe, den Tourismus, die Industrie – gerade auch im Berggebiet. Wir sollten das Konzept der Kreislaufwirtschaft verfolgen, das sich an die Natur anlehnt. Es sollten nur so viele Ressourcen gebrauchen werden, wie natürlich wieder entstehen. Wir sollten nur den Abfall produzieren, den wir auch wiederverwerten können.

Die letzten Monate haben auch gezeigt, wie wichtig eine Politik ist, die auf die Wissenschaft hört. In der Schweiz und in den meisten europäischen Staaten wurden wissenschaftliche Expertisen ernst genommen und das Wissen wurde rasch in verantwortungsvolles Regierungshandeln übersetzt. Die Bevölkerung hat das mehrheitlich erkannt und unterstützt. Natürlich sind auch bei uns Fehler passiert. Aber dank den getroffenen Massnahmen wurden tausende Menschenleben gerettet. Die leider auch bei uns wieder steigenden Ansteckungszahlen erinnern uns allerdings daran, dass es noch zu früh ist für eine Bilanz.

Klar ist aber: Wer wissenschaftliche Erkenntnisse in den Wind geschlagen hat, riss ganze Länder in die gesundheitliche und wirtschaftliche Katastrophe. Das traurige Resultat können wir heute zum Beispiel in den Vereinigten Staaten oder in Brasilien beobachten.

Während dieser Krise gab und gibt es in der Schweiz viel Solidarität. In der Bevölkerung aber auch in der Politik. Eine umfassende Entlassungs- und Konkurswelle konnte dank den staatlichen Rettungsmassnahmen bis jetzt verhindert werden.

Doch die Pandemie hat auch die Schwachstellen unseres Sozialstaates und die Ungerechtigkeiten unserer Wirtschaft gezeigt. KMU mit kleinen Margen, Selbständige, Kulturschaffende, Freelancer und im Stundenlohn Angestellte hat es viel härter getroffen als grosse Unternehmen und abgesicherte Mitarbeitende. Menschen – oft Frauen – in sogenannt «systemrelevanten» Berufen haben uns alle durch die Krise getragen, erfahren aber zu wenig Wertschätzung und erhalten vor allem zu wenig Lohn! Die Pflege, der Handel, die Logistik, die Sicherheit, die Kinderbetreuung, der Transport, die Schule, die Reinigung und andere Berufsgruppen müssen endlich aufgewertet werden.

Eine weitere Erkenntnis der Corona-Krise ist, dass wir den ökologischen Umbau unserer Wirtschaft dringend brauchen. Für ein paar Monate hat das Virus unser Wirtschaftsleben verlangsamt und damit auch die Umweltverschmutzung reduziert. Der Neustart war und ist für uns alle zentral. Aber es besteht auch die Gefahr, dass wir bald wieder dort sind, wo wir vor der Pandemie standen: einen kleinen Schritt vor der Klimakatastrophe. Sie ist eine existenzielle Bedrohung, die leider von vielen weniger ernst genommen wird als die Pandemie. Dieses kurzfristige Denken müssen wir überwinden. Einseitig auf Wachstum zu setzen, reicht nicht mehr. Ohne eine solidarische Gesellschaft und eine gesunde Natur gibt es keinen nachhaltigen Fortschritt für die Wirtschaft.

Die Pandemie hat eine weitere Tatsache offengelegt: Länderübergreifende Probleme können nur länderübergreifend gelöst werden. Darum stimmt es hoffnungsvoll, dass die Europäische Union mit dem 750 Milliarden schweren «Recovery Plan» und dem gross angelegten «Green Deal» wichtige Schritte in Richtung mehr Solidarität und mehr Ökologie macht. Die Schweiz hat auch als Nichtmitglied ein Interesse daran, diese Grossprojekte zu stützen.

Denn unser Schicksal ist – ob wir das wollen oder nicht – sehr eng an das Schicksal unserer Nachbarn gebunden. Wir sind Teil des europäischen Binnenmarktes. Mehr als die Hälfte unserer Wirtschaftsleistung basiert direkt oder indirekt auf dem Handel mit den EU-Mitgliedsstaaten. Zudem leben wir in einer Welt, in der das autoritäre China immer mächtiger wird, Putin und Erdogan an Europas Grenzen neue imperiale Fantasien ausleben und die USA unberechenbar geworden sind. Für unsere demokratischen Werte bleibt Europa die letzte einigermassen stabile Macht auf der Welt. Der solidarische und ökologische Wiederaufbau unseres Kontinents ist deshalb im ureigenen wirtschaftlichen und politischen Interesse der Schweiz. Das sollten wir bei aller Skepsis gegenüber der EU und ihren Schwächen nicht vergessen.  

Geschätzte Damen und Herren

Wer die Schweiz liebt, will sie verbessern! Das sollte unsere Ambition sein. Wir wollen beweisen, dass wir fähig sind, die grossen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.

Menschenleben retten und die Gesundheit schützen.

Die Wissenschaft als Orientierungshilfe verstehen.

Den Klima- und Naturschutz endlich als Priorität behandeln.

Eine gerechte und regionalere Wirtschaft als Chance begreifen.

Die Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg stärken.  

Diese Lehren aus der Krise sollen uns mutig und weitsichtig machen. Mögen sie einen optimistischen Patriotismus speisen, der in die Zukunft blickt. Der uns zum Anpacken animiert.

Für eine bessere Schweiz, in der wir alle gerne leben und die wir alle lieben können. Vielen Dank. Schönen 1. August!