Die Illustrationen von Diego Balli zeigen die Gams „Aline“, eine gute Begleiterin der Alpen-Initiative.

Liebe Freundinnen und Freunde der Alpen-Initiative,

die Corona-Krise hat uns die Augen geöffnet, wie verletzlich unsere Welt ist. Sie hat definitiv klar gemacht, dass es wichtigere Werte als steigende Aktienkurse gibt: den Schutz von Menschenleben, unsere Gesundheit, Solidarität und Zusammenhalt.

Die Pandemie hat auch den Irrsinn der hyperglobalisierten Wirtschaft offengelegt. Plötzlich fehlen in Europa Medikamente oder Grundstoffe, weil die Produktion aus Profitgründen nach China ausgelagert wurde. Das darf nicht sein. Wir müssen dafür sorgen, dass die Herstellung von lebenswichtigen Produkten wieder regionaler wird. Das verkürzt die Transportwege, was dem Klima und auch den Alpen zugute kommt. Regionale Wirtschaftskreisläufe machen uns auch krisensicherer, widerstandsfähiger und flexibler. Und sie schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort. Das bietet Perspektiven für die Landwirtschaft, das Gewerbe und die Industrie – gerade auch im Berggebiet.

Kreislaufwirtschaft ist ein gutes Konzept, das sich an die Natur anlehnt. Es sollen nur so viele Ressourcen gebraucht werden, wie natürlich wieder entstehen. Es darf nur Abfall produziert werden, den wir wiederverwerten können. Die Verkehrspolitik der Alpen-Initiative entspricht ganz dieser Idee. Wir wollen Transporte möglichst vermeiden, diejenigen, die notwendig sind, auf die Schiene verlagern und den Verkehr insgesamt natur- und menschenverträglich gestalten. Wir bekämpfen Unsinnstransporte, stärken effiziente Verkehrsmittel und fördern kurze Wertschöpfungsketten. Unsere Rezepte waren und sind zukunftsweisend. Heute mehr denn je.

Die letzten Monate haben auch gezeigt, wie entschlossen Politik sein kann. Die Wissenschaft wurde früh einbezogen, Expertisen wurden ernst genommen und das Wissen wurde rasch in verantwortungsvolles Regierungshandeln übersetzt. Die Bevölkerung hat das mehrheitlich erkannt und unterstützt. Auch wenn es noch zu früh für eine Bilanz ist, haben wir als Gesellschaft doch gezeigt, dass wir fähig sind, grosse Herausforderungen gemeinsam anzupacken.

«Regionale Wirtschaftskreisläufe machen uns krisensicherer, widerstandsfähiger und flexibler.»

Eine weitere Erkenntnis der Corona-Krise ist, dass wir dringend den ökologischen Umbau unserer Wirtschaft brauchen. Für ein paar Monate hat das Virus unser Wirtschaftsleben verlangsamt und damit auch die Umweltverschmutzung reduziert. Der Neustart ist wichtig, damit Arbeitnehmende, Selbstständige und Unternehmen wieder ein anständiges Auskommen erwirtschaften können. Aber es besteht auch die Gefahr, dass wir bald wieder dort sind, wo wir vor der Pandemie standen: einen kleinen Schritt vor der Klimakatastrophe. Sie ist eine existenzielle Bedrohung, die leider von vielen weniger ernst genommen wird als die Pandemie. Als würde sie uns nicht ebenso unmittelbar gefährden. Solches Denken müssen wir überwinden. Genauso wie Profitgier zulasten der Allgemeinheit. Kurzfristiger Gewinn für eine fossile Wirtschaft ist ein langfristiger Verlust für die gesamte Menschheit. Einseitig auf Wachstum zu setzen, reicht nicht. Ohne eine gerechte Gesellschaft und eine gesunde Natur gibt es keinen nachhaltigen Neustart. Dies muss zum Konsens werden, wenn wir nach der Corona- auch die Klimakrise meistern wollen.

Als Alpen-Initiative engagieren wir uns seit jeher für den ökologischen Umbau des Verkehrs und für das Klima. Für uns ist Klimaschutz Alpenschutz und Alpenschutz Klimaschutz. Wir kämpfen dafür, den gesamten alpenquerenden Transit-Güterverkehr auf die Schiene zu bringen. Wir kämpfen dafür, dass der Verkehr in den Alpen und anderswo möglichst rasch CO2-frei wird. Das ist handfeste Klimapolitik und ein konkreter Beitrag zur Erreichung des Klimaziels von Netto-Null-Treibhausgasemissionen.

Unser Engagement ist länderübergreifend. Alpenschutz ist nicht einfach Schutz der Schweizer Alpen. Sondern Einsatz für Kultur und Natur im gesamten Alpenbogen. Darum verbünden wir uns mit Bürgerbewegungen in unseren Nachbarstaaten und vernetzen uns mit Umweltorganisationen in ganz Europa. Wir lobbyieren und politisieren in Bern und in Brüssel. Wir denken global, handeln lokal und arbeiten international. Dieser Ansatz muss durch die Erfahrung der Corona-Krise gestärkt werden. Es ist offensichtlicher denn je, dass länderübergreifende Probleme nur länderübergreifend gelöst werden können. Dieses Konzept widerspricht der Idee von den regionalen Wirtschaftskreisläufen nicht, denn Regionen halten sich nicht an Landesgrenzen und gemeinsame Regeln stärken diese.

Die Alpen-Initiative ist eine Gemeinschaft von bewegten Bürgerinnen und Bürgern. Wir engagieren uns für den Schutz der Alpen, für unseren wertvollen Lebensraum. Wir wollen die Klimaerhitzung stoppen und eine nachhaltige Wirtschaft fördern. Weil wir die Alpen als Kultur- und Naturraum für die kommenden Generationen erhalten wollen. Dabei fordern wir von unserer Regierung, von unserem Parlament, von unseren Unternehmen und von uns selbst als Bevölkerung mehr Entschlossenheit.

«Wir denken global, handeln lokal und arbeiten international.»

Zusammen müssen wir beweisen, dass wir fähig sind, die grossen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Die Erfahrung der Corona-Krise soll uns mutig und weitsichtig machen. Denn wir brauchen einen Aufbruch in eine solidarische und ökologische Zukunft. Nicht die Rückkehr in die krisenanfällige Normalität.

Diese für die ausgefallene Mitgliederversammlung der Alpen-Initiative vorgesehene Rede ist als Leitartikel in der Juni-Nummer des Vereinsmagazins „Echo“ erschienen.